Floating Piers by Christo

Ganz großes Kino: drei Stunden Warten, drei Stunden Gehen, drei Stunden Warten

Drückende, schüle Hitze empfing uns am Iseo-See als wir den letzten Tag des Christo-Spektakels nutzen, um See, Land und Leute und vor allem dem orangen Steg kennenzulernen.

Christo_Plan_1

Die Italiener hatten kurzerhand die direkte Zufahrt über die hoch gelegene Schnellstraße gesperrt und uns dann allein gelassen. So fanden wir uns drei Orte weiter weg am See wieder und hatten das Glück, einen „günstigen“ Parkplatz ergattert zu haben. Frohen Mutes gings zu Bahnstation, die die Ostseite des Sees flankiert. Tickets gab´s – nein nicht in der Stazione, sondern in der Trafik im Dorf, also dorthin, wieder zurück. Freundliche Aufseher antworteten auf die Frage nach der Abfahrt mit einem Schulterzucken. Da standen wir dann in der sengenden Hitze und warteten über eine Stunde, bis, jippie, der Zug kam. Elegant, neu, verheißungsvoll.

Also alle hineingezwängt, eiskalte Klimaanlage drin, fein. Dann zwei Kilometer zum nächsten Ort und – wieder stehen. Die Trasse war eingleisig, und wir mussten auf dem Zug von Sulzano warten, und was den Besuchern dort beim Einsteigen erwartete kam den Japanischen Untergrund-Pressern ziemlich gleich, deswegen dauerte es gute drei Stunden bis wir ankamen.

Alle nord-italienischen Seen haben ihre eigene Chakrakteristik, Lago Maggiore, Lago di Como, Lago di Garda, und der Iseo-See macht hier keine Ausnahme. Steil in den Boden gegraben mit einem atemberaubenden riesigen Buckel als Insel in der Mitte lässt den See trotz seiner beachtlichen Ausdehnung winzig erscheinen. Dafür sind die Ausblicke allerorten schlichtweg sensationell.

Zum See gings – sehr deutsch – geordnet, geführt, gewartet bereits auf großflächig verlegte orange Planen, bis sich der Blick zum Steg öffnete. Wow, das war großartig. Bestimmt siebenhundert Meter lang und 16 Meter breit zog sich das farbige Band durch den See zur Insel hinüber. Dort am Ufer entlang und wieder raus aufs Wasser Richtung Isola di San Paolo, übrigens im Besitz der Familia Beretta, einmal rundherum und wieder zurück. 3 km über Wasser und 1,5 km an Land, und mit kleinen Prosecco-Päuschen und hi und da auf dem Steg sitzend und schaukelnd, je nachdem ob wieder eines der Rettungsbotte mit Karumm und Tütatata am Steg vorbeidonnerte, drei Stunden unterwegs. Sehr chic, sehr mondän, sehr beeindruckend.

Dazwischen alle 50 Meter ein mal freundlicher, mal grimmiger Abstandswächter, der aufpasste, dass keiner dem Wasser zu nah kam. Und immer wieder Menschen, die gekühlt und stabilisiert werden mussten. Oder ausgelassene Kinder, die Fangen zwischen den Erwachsenen spielten.

Ein Schauspiel der etwas größeren Dimension zweifelsohne, aber von Christo selbst keine Spur. Damit ist nicht der Künstler etwa selbst gemeint, nein, den haben wir auch gar nicht erwartet, aber doch das Kunstwerk an sich. Will heißen, alles war so selbstverständlich, ein langer Steg, bestehend aus abertausender dieser aufgeblasenen Plastikkuben, schön federnd, wenn man darübersprang, die jeden See als Badeplattform dienten, überzogen mit ein bißchen Stoff, fertig.

Ehrfurcht, Kunstverständnis, Kunst an sich fanden wir nicht, dafür leichte Muse, spazieren wandernd, in sich versunken oder gar ein Picknick auf den „floating piers“ abhaltend mit la mama, filius und filia und allen Onkeln und Tanten.

Einzig ein „echter“ Christo mit aufgemalter Dornenkrone und weissem Kaftan bewaffnet, der sich für mehr Liebe und Zusammenhalt aussprach, zeugte vom eigentlichen Zweck des ganzen Unternehmens, das ja mit seinem weit siebenstelligem Investment doch irgendwas bewirken wollte.

Aber irgendwie ist die Kunst dann doch nicht abgegangen, ein schönes Schauslpiel, pane et circensem, ein ungewöhnlicher Ritt über den See, Freude und Lust am Staunen, Schlendern und Schauen, Herz, was willst Du mehr.

Der Rückweg, wie schon angedeutet, war beinahe mörderisch. In der massiven Enge von tausenden Menschen im Minibahnhof, Scheriffs, die alles überwachten, damit keiner drängte, falsch abbog, in der richtigen Reihe anstand, ein, zwei leer durchfahrende Züge und die zermürbende, Kreislauf brechende Hitze. Gott sei Dank wurde kaltes Wasser gereicht und – geniale Idee – vermittels eines Feuerwehrschlauches fein versprühtes Wasser in die Luft über uns Wartenden geschleudert.

Ich weiß nicht, wie eine österreichische oder deutsche Gruppe reagieren würde, wenns plötzlich Wassertropfen auf sie herniederprasselt, die ein Feuerwehrmann auf sie absprüht, aber hier gabs Applaus und Beifall, auch von uns ;-)

Ein ereignisreicher Tag und vor allem die Gewissheit, diesem zauberhaft pittoresken See zu einer etwas ruhigeren Zeit einen längeren Besuch abzustatten, um tatsächlich Land und Leute zu sehen, war unser Abschiedsgeschenk.

Untenstehend noch der Plan des Spekatulums:

Christo_Plan_2

13.07.16 Beitrag von: Michael Jaugstetter

Weitere Artikel dieser Kategorie

Weitere Artikel

Weltfrauentag

Am 8. März ist es wieder soweit. Denken Sie an rote Rosen und einen fabelhaften Frizzante rosé

Holzhintergrund mit Schneeglckchen